5 Historische und geografische Ergänzungen
Nachdem sich das Braille’sche System in den europäischen Ländern als Blindenschrift durchgesetzt hatte, entwickelte man schon sehr bald (in den 70er- und 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts) in England und Deutschland Kurzschriftsysteme. Die verbesserte, 1904 in Deutschland eingeführte Version blieb praktisch unverändert fast 70 Jahre gültig.
Die technischen Neuerungen in automatischer Textübertragung und Druck machten schließlich eine gründliche Reform der Kurzschrift erforderlich. Sie musste allerdings unter der Vorgabe erarbeitet werden, dass das bereits übertragene Schriftgut lesbar blieb. Es gelang, durch neue Prinzipien und Einführung einer Reihe von weiteren Kürzungen die Effizienz der Kurzschrift zu steigern. 1971 wurde diese neue Version der Kurzschrift im ganzen deutschen Sprachgebiet eingeführt und nach einer Erprobungszeit 1984 geringfügig modifiziert.
5.1 Die Kurzschrift vor der Reform von 1971
Nachstehend sind die für das Leseverständnis notwendigen wichtigsten Abweichungen zusammengestellt:
5.1.1 Satz- und Hilfszeichen
Der Satzpunkt wurde durch Punkte 2, 5 und 6 (Punkte 2, 5 und 6) wiedergegeben, Abkürzungs-, Dezimal-, Multiplikations-, Fortführungs- und Einteilungspunkt wie heute durch Punkt 3.
Punkt 3 stand auch für den Apostroph.
Das Zeichen Punkte 4 und 6 (Punkte 4 und 6) markierte sowohl die Großschreibung einzelner Buchstaben als auch ganzer Wörter.
Für den Schrägstrich wurde Punkte 3 und 4 (Punkte 3 und 4) verwendet.
Der Aufhebungspunkt, Punkt 6, wurde nur vor c, q, x und y gesetzt, entfiel aber vor den Buchstaben q und x am Wortanfang bzw. nach der Silbentrennung am Beginn der neuen Zeile.
Den Umlautungspunkt gab es in der Kurzschrift von 1904 nicht.
5.1.2 Wortkürzungen, Nachsilben und Doppel-s-Zeichen
Außer dem „Wortpunkt“ (Punkt 2) vor einformigen Wortkürzungen (4.3.2 „Einformige Kürzungen, alleinstehend und in Wortverbindungen“) wurde im Wortinneren der „Abtrennstrich“ (Punkte 3 und 6) als Indikator für Kürzungen verwendet. Er trennte Kürzungen voneinander und von Wortteilen, die allenfalls Lautgruppenkürzungen enthielten. So schrieb man:
beziehungsweise:
o-r-Zeichen Punkte 3 und 6 s-c-h-Zeichen T
, Zustand
beziehungsweise:
Z Punkte 3 und 6 s-t-Zeichen a-n-Zeichen D
, Abgrund
beziehungsweise:
A B Punkte 3 und 6 G D
, Mitbringsel
beziehungsweise:
T Punkte 3 und 6 B G Punkte 3 und 6 SY
, darauf
beziehungsweise:
D a-r-Zeichen Punkte 3 und 6 a-u-Zeichen
, herunter
beziehungsweise:
H e-r-Zeichen Punkte 3 und 6 u-n-Zeichen
, somit
beziehungsweise:
P Punkte 3 und 6 T
.
Die Kürzungen durften auch Vorsilben, Endungen oder Nachsilben annehmen:
beziehungsweise:
Punkte 3 und 6 L
, belässt
beziehungsweise:
b-e-Zeichen L
, vernichten
beziehungsweise:
Punkte 3 und 6 N C
, vervollständigen
beziehungsweise:
Punkte 3 und 6 Q Punkte 3 und 6 s-t-Zeichen Ä N D i-g-Zeichen C
.
Alleinstehend und am Wortende bedeuteten Kürzungen wie Punkt 2 K, Punkt 2 W, B B, F R den Infinitiv „können“, „werden“, „bleiben“, „fragen“. Durch das Anfügen von Endungen reduzierte sich ihre Bedeutung aber auf den Verbstamm:
beziehungsweise:
ic-h-Zeichen Leerfeld BBE
, wir konnten
beziehungsweise:
W R Leerfeld Punkt 2 K T C
, Du fragst
beziehungsweise:
D U Leerfeld F R s-t-Zeichen
.
Entsprechend standen H, Ä, e-l-Zeichen, B D, J D, K T, Buchstabe S c-h-Zeichen allein bzw. am Wortende für „hatte“, „hätte“, „welche“, „beide“, „jede“, „konnte“, „solche“, mit Endung nur für den jeweiligen Wortstamm:
beziehungsweise:
ic-h-Zeichen H
, du hättest
beziehungsweise:
D U Leerfeld Ä E s-t-Zeichen
, er hätte
beziehungsweise:
e-r-Zeichen Leerfeld Ä
, welcherlei
beziehungsweise:
e-l-Zeichen e-r-Zeichen L e-i-Zeichen
, beide Kinder
beziehungsweise:
B D Leerfeld K i-n-Zeichen D e-r-Zeichen
, beidseitig
beziehungsweise:
B D Punkte 3 und 6 S e-i-Zeichen T i-g-Zeichen
, jede Katze
beziehungsweise:
J D Leerfeld K A T Z E
.
Traten die Stämme allein oder am Wortende auf, mussten sie ausgeschrieben werden:
beziehungsweise:
u-n-Zeichen g-e-Zeichen K O N N T
, Erfolg
beziehungsweise:
e-r-Zeichen F O L G
.
Der Plural der Nachsilben
-heit (als Nachsilbe)
beziehungsweise:
-H
,
-keit (als Nachsilbe)
beziehungsweise:
-K
,
-schaft (als Nachsilbe)
beziehungsweise:
-s-c-h-Zeichen
,
-ung (als Nachsilbe)
beziehungsweise:
-U
ergab sich durch
Anfügen eines „n“;
-mal (als Nachsilbe)
beziehungsweise:
-M
durfte
-ig (am Wortende)
beziehungsweise:
-I G
oder
-s (am Wortende)
beziehungsweise:
-S
annehmen:
beziehungsweise:
ei-n-Zeichen H N
, Zeitungen
beziehungsweise:
Z T U N
, einmalig
beziehungsweise:
ei-n-Zeichen M i-g-Zeichen
, Freunschaften
beziehungsweise:
F D s-c-h-Zeichen N
, nochmals
beziehungsweise:
N c-h-Zeichen M S
.
Folgende Wortkürzungen gelten seit der Reform von 1971 nicht mehr:
| Kürzung | Bedeutung |
|---|---|
| D Doppel-s-Zeichen | DESSEN |
| N N | NUN |
| S Doppel-l-Zeichen | SOLL |
| T N | TUN |
Allerdings wird die Kürzung
dessen
beziehungsweise:
D Doppel-s-Zeichen
in Texten in reformierter Rechtschreibung
ab 1998 wieder verwendet.
Eszett und Doppel-s-Zeichen waren gleich (Punkte 2, 3, 4 und 6). Das Doppel-s-Zeichen wurde als Lautgruppenkürzung wie ll, mm und st behandelt.